Die Fabelmans | Kritik (2024)

Auf den ersten Blick erzählt Die Fabelmans von einem jungen Filmemacher und seiner Lust am bewegten Bild. Doch die dahinterstehende Auflösung einer Familie macht den Film zu einem der ernsthaftesten und emotionalsten Werke Steven Spielbergs.

Die Geschichte über die erste Vorführung des Films L’arrivée d’un train en gare de La Ciotat von Auguste und Louis Lumière im Jahr 1895/96 handelt von in Panik geratenden Menschen, die vor dem lebensgroß auf das Publikum zurollenden Zug Reißaus nehmen. Ob sich das Ereignis tatsächlich zugetragen hat oder nicht nur zu Werbezwecken kolportiert wurde, ist mindestens umstritten. In der Filmgeschichtsschreibung gilt jedoch gerne der Aphorismus aus John Fords The Man Who Shot Liberty Valance (1962): „Print the legend.“ So wurde der einrollende Zug zum Urbild eines Kinos der Attraktionen, als dessen wahrscheinlich bekanntester Vertreter Steven Spielberg gilt.

The Greatest Show on Earth

Auch Spielberg beginnt seinen neuen Film The Fabelmans mit einem herannahenden Zug, der dem jungen Protagonisten Sammy (Mateo Zoryan Francis-DeFord) bei seinem ersten Kinobesuch einen solchen Schrecken einjagt, dass dessen Bewältigung in eine Obsession umschlägt. Es ist das Jahr 1952 und der Kinofilm ein Spektakel von Cecil B. DeMille, der Titel The Greatest Show on Earth verspricht schon die Art von Unterhaltung, der sich Spielberg in den meisten seiner Filme gewidmet hat.

Sammy wünscht sich von seinen Eltern eine Modelleisenbahn, um den furchteinflößenden Zugunfall aus DeMilles Film immer wieder nachzustellen. Sein Vater Burt (Paul Dano), ein ernsthafter und ehrgeiziger Ingenieur, ist von der Zerstörungswut des Sohnes irritiert, während seine Mutter Mitzi (Michelle Williams) schließlich auf die Idee kommt, wie weiterer Schaden abzuwenden ist. Sie gibt Sam eine 8-mm-Kamera, um die nachgestellte Szene des Unfalls aufzuzeichnen und so endlos abspielbar zu machen.

Der staunende Blick in die Kamera

Durch den Sucher der Kamera betrachtet wird der Schrecken zum Schauspiel und für Sammy zu bewältigen. Spielberg und sein Co-Autor Tony Kushner schaffen im Laufe des Films immer wieder Szenen wie diese, die nicht nur mit autobiografischen Bezügen zu Spielbergs vielbeschriebenem Leben und frühen Kurzfilmen spielen, sondern sich zugleich als Ausgangspunkte für die Themen und Inszenierungen anbieten, die Spielberg im Laufe seiner Karriere verfolgt hat. In seinen besten Filmen trifft die große Inszenierung auf das persönliche Gefühl, der Maßstab des Außergewöhnlichen verdeutlicht sich durch das, woran die Zuschauenden selbst anknüpfen können. Sein bekanntestes Stilmittel ist dabei das Staunen der Protagonisten im Angesicht unglaublicher Vorgänge, der Blick an der Kamera vorbei ins Off gerichtet, wie Spielberg es auch bei Sammys Kinobesuch inszeniert und der die oft effektlastigen Szenen in Filmen wie E.T. the Extra-Terrestrial (1982) oder Jurassic Park (1983) an ein Mitempfinden mit den Figuren zurückbindet.

The Fabelmans ist aber nur auf den ersten Blick die Geschichte eines heranwachsenden Filmemachers und seiner Lust am bewegten Bild. Dahinter steht die Auseinandersetzung mit der Auflösung einer Familie, die den Film neben seinen leichten Momenten zu einem der ernsthaftesten und emotionalsten Werke Spielbergs macht. Beruflich bedingte Umzüge, das von der Mutter nicht verwundene Aufgeben ihrer musikalischen Karriere und die gegensätzlichen Temperamente der Eltern, all das spitzt sich im Laufe des Films kaum merklich, aber unaufhaltsam zu.

Die Schattenseite des Lebens im Film

In einer der bemerkenswertesten Sequenzen, die an Antonionis Blow Up (1966) denken lässt, führt das Filmemachen dann zu einem Moment der Aufdeckung. Am Schneidetisch in seinem Zimmer montiert der jugendliche Sammy (Gabriel LaBelle) das Material, das er bei einem Familienausflug gedreht hat. Durch das Vor- und Zurückspulen, das Anhalten der sonst zu flüchtigen Momente, wird Sammy Zeuge eines Vorgangs, der ihm mit bloßem Auge verschlossen geblieben ist. Anders als Antonioni, der die Grenzen des Sehens mit seinem Film auslotet, glaubt Spielberg aber daran, dass der Film die Wahrheit 24-mal in der Sekunde zeigt. The Fabelmans stellt nicht die Frage danach, was wir wirklich sehen können, sondern wie mit dem Betrachteten umzugehen ist.

Die Rolle des Künstlers als desjenigen, der abseitssteht, mehr sieht als die anderen und dessen Arbeit ihn den anderen entfremdet, spiegelt der Film auch in einer Szene, in der Mitzis verschrobener Onkel Boris die Familie besucht. Judd Hirsch spielt diese Figur mit einer umwerfenden Mischung aus Bedrohlichkeit und Verletzlichkeit. Sein Auftritt markiert eine frühe Warnung vor den Konsequenzen, die ein Leben im Film mit sich bringen und dessen Schattenseite die Einsamkeit ist.

Wenn die Familie schließlich nach Kalifornien umzieht, tritt dieser Aspekt in den Vordergrund, wobei Ursache und Wirkung vertauscht werden. Nicht Sammys filmische Ambitionen lassen ihn als Außenseiter dastehen, sondern seine jüdische Identität in einer von White Anglo-Saxon Protestants bestimmten Umgebung. Durch das Filmemachen kann er mit den Vorurteilen und den Anfeindungen der Mitschüler*innen umgehen, indem er die Mittel des Films gegen sie wendet.

Einladung zur Neubetrachtung

Um den Einsatz dieser Mittel dreht sich auch Sammys Treffen mit „größten Regisseur aller Zeiten“ John Ford (David Lynch), der dem angehenden Filmemacher ein einfaches wie wirkungsvolles ästhetisches Prinzip mit auf den Weg gibt, das der Film in seiner letzten Einstellung in einer selbstironischen Geste umsetzt und das sich auch in Spielbergs Filmen seit dem Beginn seiner Karriere verfolgen lässt.

So erweist sich Spielberg als Filmemacher, dessen effektive Inszenierungen einer genauen Reflexion entspringen, und als Geschichtenerzähler, der nicht nur aus seinem Leben berichten möchte, sondern mit seinem Film eine Art Schlüsselwerk schafft, das zur Neubetrachtung seiner Filmografie einlädt.

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